Marlene Steib in Iowa |
| Wednesday, 05 December 2007 12:07 |
| There are no translations available. Wie ist es in der großen, weiten Welt? In erster Linie groß und weit, sehr weit, jedenfalls was Iowa angeht. Ankunft in meinem neuen Zuhause: Das erste, was mir hier auffiel, war dass die Menschen unglaublich freundlich waren. Sowohl im Flugzeug, am Flughafen und überall, wo mir Fremde begegneten, als auch in meiner Gastfamilie: Leute schienen interessiert daran, mit mir zu sprechen, waren hilfsbereit und freundlich und wollten mehr über mein Heimatland erfahren. Ah ja, Deutschland, Onkel Soundso kommt doch daher. Oh, aus Deutschland also, ich war mal in München auf dem Oktoberfest, das war „insane“! Ja, Deutschland, Bratwurst, Schnitzel. Viele Amerikaner haben Deutsche Wurzeln und Freunde; oder Verwandte, die im Krieg dort waren. Auch wenn wenige je außerhalb der USA waren, die Gastfreundschaft ist überwältigend. Oft passierte es mir sogar, dass Leute sich bei mir bedankt haben, dass ich ihr Land besuche. Bevor ich an meinem ersten Abend zu Bett ging, sagte meine Gastmutter Becky zu mir: „We are so glad to have you!“ Irgendwo in Iowa: Seit fünfeinhalb Monaten lebe ich jetzt in Iowa, im Herzen Amerikas, in Amerikas Schlafzimmer, wie meine Freunde sagen, in Eddyville, „capital of nowhere“, wie meine Gastschwester Jo es nennt. Meine Stadt – die Bewohner bestehen auf die Bezeichnung „Stadt“ - hat rund 1000 Einwohner, einen kleinen Supermarkt, ein Postamt, eine Grundschule und eine High School, fünf Kirchen und außerdem etwas unbeschreibliches, dass mir in keiner deutschen Kleinstadt je begegnet ist. Als Austauschschülerin in Amerika wollte ich die Welt sehen, große Städte besuchen und das Amerika aus dem Fernsehen kennen lernen. Jetzt hätte ich beinahe meine New York Reise abgesagt, um länger in Iowa bleiben zu können. Ich habe etwas weit wundervolleres in diesem Staat des goldgelben Maises und der niemals enden wollenden Bohnenfelder gefunden. „Is this heaven?“ – „No, it’s Iowa”, sagt Kevin Costner in dem Film „Field Of Dreams”. Einleben in einer neuen Welt: Es fällt nicht schwer, sich einzuleben. Nach meinem ersten Tag dachte ich, wie wunderschön es hier ist, nach meinem ersten Monat wollte ich nie wieder zurück. In meiner Gastfamilie, in der Schule, in der Gemeinschaft war ich sehr Willkommen. In meinen verschiedenen Klassen, beim Mittagessen, in der Schulband und im Volleyballteam habe ich schnell Freunde gefunden. Meine Klassen waren relativ einfach, nach ein bis zwei Wochen konnte ich dem Unterricht problemlos folgen (sogar meiner Englischlehrerin Mrs. Slobe, die sehr schnell redet und abrupt Themen wechselt). Englisch sprechen mag nicht allzu schwer erscheinen. Englisch zu denken dagegen ist ein Prozess, der mit der Zeit kommt. Es ist weniger anstrengend, die ganze Zeit Englisch zu reden, als der Tatsache zu begegnen, dass Leute einen nicht verstehen. „Was hast du gesagt? Huh? Was meinst du damit?“ Meine Freunde haben mir erzählt, dass sie mich am Anfang des Jahres kaum verstanden haben. Das sei jetzt viel besser. Trotzdem machen sie sich gerne über meinen Akzent lustig. Die Amerikaner selbst raffen oft mehrere Wörter in einem zusammen. Inzwischen jedoch kann ich sogar meinen kleinen Gastneffen mit Sprachstörungen verstehen. Das Heimweh-Phänomen: Heimweh ist für mich immer noch ein Phänomen, dass ich gerne mal kennen lernen wollte. Richtiges Heimweh hatte ich keins bisher. Manchmal vermisse ich meine Freunde und Familie. Manchmal wünschte ich mir, sie wären hier, aber nicht einen Moment habe ich mir gewünscht, ich wäre zuhause anstelle von hier. Ich glaube der Grund, dass ich sie lange nicht wirklich vermisst habe, ist, dass man einfach total in einem anderen Leben ist. Das ist ähnlich, wie wenn man träumt, man überschreitet die Grenze von der Realität in die Traumwelt. Niemand, der träumt, würde sich auf einmal fragen „He, wo sind eigentlich Mama und Papa?“ Ganz so ist es natürlich nicht, ich bin immer noch wach, nur der Wechsel zwischen zwei Welten ist vergleichbar. Am Anfang haben meine Eltern mich oft angerufen, jetzt telefonieren wir ca. einmal im Monat. Sie haben sich an die Situation gewöhnt. Ich lasse meine Freunde und Familie immer noch teil an meinem Leben haben, ich schreibe ihnen, was ich mache und wie es mir geht, aber ich glaube sie können sich alles nicht so richtig vorstellen. Ich konnte es mir jedenfalls vorher nicht vorstellen. Kultur und Leben: Die Menschen hier sind einfach. Sie leben ihr Leben, sie tun ihre Arbeit, sie haben Kinder, die heiraten um dann ihr eigenes Leben zu leben. Es scheint eine sehr heile Welt zu sein. Sie sind sehr gläubig. Sie spenden für Arme, außerhalb der heilen Welt. Sie sind gute Staatsbürger. Sie wählen. God bless America. Sie zollen ihren Soldaten Respekt. Einige sehr konservative Prinzipien sind fest verankert in der Moral der meisten. Rassismus existiert wenig. Hier leben kaum Afroamerikaner. Viele missachten die zahlreichen Mexikaner, die über die Grenze geströmt kommen. Wenn man genauer darauf eingeht, sagen die Leute „Ich hab nichts gegen Mexikaner, solange sie sich legal hier aufhalten und unsere Sprache sprechen.“ Homosexualität und Atheismus werden oft schlecht angesehen. Es gibt ein größeres Folgen des „Mainstreams“, was aber auch daran liegt, dass es so eine kleine Stadt ist. Manche Leute stellen in unseren Augen dumme Fragen über mein Heimatland oder Europa, aber kluge Mitschüler wissen oft mehr über Europäische Geschichte als ich. An manche Regeln muss man sich erst einmal gewöhnen. Viele Jugendliche müssen um Mitternacht zuhause sein. Sie dürfen nicht ohne Eltern verreisen. Allgemein scheinen sie mehr behütet, kindlich, naiv. Eltern trauen ihren Kindern weniger zu. Ich darf nicht bei Jungs übernachten. Es stimmt nicht, dass man sich hochgeschlossen anziehen muss. Die meisten tragen jedoch T-shirts und Jeans zur Schule. An manchen Tagen, zum Beispiel Spieltagen, macht man sich dafür sehr schick (Jungs, das bedeutet Anzug für euch!). Angeblicherweise darf man keine Spaghetti-tops und Miniröcke tragen, aber daran hält sich keiner. Es ist nicht üblich, sich in der Öffentlichkeit zu berühren. Leute in einer Beziehung halten manchmal Händchen, sich in der Öffentlichkeit oder vor den Eltern zu küssen ist aber weniger gern gesehen und in der Schule sogar verboten. Man darf kein „S-Wort“, „F-Wort“, usw. vor Eltern oder Lehrern sagen. Dafür schimpfen Jugendliche unter sich ganz ordentlich. Schule, Sport und Aktivitäten: Meine Schule hat zwischen 200 und 300 Schüler der Stufe 9 bis 12. Es gibt eine klare Hierarchie, Neuntklässler - oder „Freshmen“ - müssen für gewöhnlich den Großen hinterher räumen, während Zwölftklässler, „Seniors“ alle Privilegien bekommen, wie z.B. immer als erste drankommen und die besten Plätze in Bussen. Sie sind Vorbilder für ihre Mitschüler. Es scheint wie eine kleine Gesellschaft, das Klettern der Karriere-Leiter. Man kann seine Klassen recht frei wählen, allerdings muss man gewöhnlich bestimmte Klassen und eine bestimmte Anzahl von Punkten erreichen, um sein Diplom zu bekommen. Es ist erstaunlich, wie gut die Schule ein Programm für Schüler mit den unterschiedlichsten Intelligenzleveln anbietet. Für sehr langsame Lerner, geistig Behinderte, usw., gibt es spezielle Lehrer, die mit ihnen zu ihren gewöhnlichen Klassen gehen und ihnen helfen. Als Austauschschüler konnte ich recht frei wählen. In meinem ersten Semester hatte ich English 10, Spanish 1, American History, Elizabethan History, Chemistry 4, Calculus, Band und Cross Training (Fitnesstraining). Die meisten Kurse sind für ein Schuljahr, es besteht aber die Möglichkeit, den Kurs abzuwählen, was ich auch in manchen Fällen gemacht habe. Wichtig bei der Kurswahl ist, dass man sich Dinge zutraut. Wenn der Kurs zu schwer ist, hat man fünf Tage um zu wechseln. Außerdem ist es hier schwieriger, schlechte Noten zu bekommen, als gute Noten zu bekommen, abgesehen davon, dass das für Austauschschüler eh kaum relevant ist. Ich habe beide Semester einen vollen Stundenplan, ich denke man sollte soviel wie möglich ausprobieren. Das gilt auch für Aktivitäten außerhalb des Unterrichts. Wie in keinem anderen Land bietet die Schule hier den Mittelpunkt alles sozialen Lebens. An den missten Schulen variieren die angebotenen Sportarten nach Jahreszeiten. Im Herbst habe ich Volleyball gespielt, ein Sport, der mir vorher nie so richtig lag, und mir am Ende sehr Spaß gemacht hat. Im Winter war ich ein Basketball-Cheerleader, was ich zuerst sehr albern fand, aber einfach mal ausprobieren wollte. The time of my life: Auch wenn Sport und Unterricht mir viel Spaß machen, „the time of my life” habe ich doch in der Band. Jeder, der ein Instrument spielen kann, muss meiner Ansicht nach in die Band. Mit der Marching Band sind wir durch ganz Iowa zu Wettbewerben gefahren. Die Leute und die Stimmung waren einfach klasse, wir hatten einen Haufen lustige Traditionen und sehr viel Spaß. Thanksgiving und Weihnachten: Man kann nicht behaupten, Amerika zu kennen, solange man nicht ein echtes Thanksgiving erlebt hat. Wie die meisten Feiertage: ein Fest der Familie und ganz besonders des Essens. Meine Familie und ich (besonders meine Gastmom) haben etwa eine Woche mit aufräumen, putzen, kochen und backen verbracht. Die Großeltern kamen aus Arizona zu Besuch und die ganze Familie saß zusammen, um traditionell das erste gemeinsame Festessen der Indianer und der Pilger zu feiern. Weihnachten ist hier vermutlich der höchste Festtag des Jahres, um einiges mehr als ein Geburtstag oder ähnliches. Mehr noch als bei uns wird gekauft soviel es geht und Santa winkt in jedem Kaufhaus und lacht sein „Ho, ho, ho!“ Außerdem gibt es hier in Amerika neben der Christlichen eine Vielfalt von Religionen und Kulturen, darum feiert man gleichzeitig mit weihnachten auch Hanukkah und Huanza. Am ersten Weihnachtstag sind wir um fünf Uhr morgens aufgestanden und haben Geschenke aufgemacht! Allgemein habe ich seit ich hier bin fast nur gute Erfahrungen gemacht und ich würde auf jeden Fall sagen, dass es sich mehr als nur lohnt. Mehr als die Hälfte meines Aufenthalts ist nun vorbei und der Gedanke an Abschied macht mich schon etwas traurig. Solange aber werde ich meine Zeit genießen und empfehle jedem, dem sich die gleiche Gelegenheit bietet, sie ohne Frage zu ergreifen. Danke Aspect Deutschland für diese Möglichkeit, und danke Aspect Foundation, dass ihr euch gut um mich kümmert. Marlene Staib Februar 08 |















